Gebrauchte Schuhe für die Mittelschicht in Afrika
Seit über 15 Jahren lässt Anis Abadi in Algermissen
gebrauchte Schuhe sortieren
Laute arabische Musik. Schon am Empfang ist sie deutlich zu hören. „Die kommt aus der Produktion“, sagt Anis Abadi zur Begrüßung. „Die Mitarbeiter wünschen sich die Musik und die Leistung ist auch besser.“ Schuhe sortieren im Rhythmus orientalischer Klänge. Vielleicht gehört auch das zum Erfolgsrezept von Anis Abadis Unternehmen. Immerhin wuchs die Firma von anfangs 12 Beschäftigten auf eine Belegschaft von heute 67 Mitarbeitern.
1991 begann Anis Abadi mit dem Sortieren von gebrauchten Schuhen. Ein paar Jahre zuvor war er aus dem Libanon für ein Architekturstudium nach Deutschland gekommen. Neben der Universität jobbte er irgendwann als Dolmetscher für Geschäftsleute aus der Gebrauchttextilien-Branche und erkannte, dass deren Firmen gut liefen. Aber niemand interessierte sich für gebrauchte Schuhe. „Das war eine Marktlücke“, sagt Anis Abadi.
Er startete das Unternehmen „Abadi Export“ als Familienbetrieb und noch heute teilt er sich den Geschäftsführerposten mit seinen Brüdern. „Ich wollte gerne etwas aufbauen, was wir gemeinsam machen können.“ Der Betrieb wuchs, wurde 1994 eine GmbH und zog gerade im letzten Jahr auf das neue Betriebsgelände in Algermissen um. Heute erwirtschaftet die Abadi Export GmbH mit der Sortierung und dem weltweiten Verkauf von gebrauchten Schuhen einen achtstelligen Umsatz. Den genauen Betrag will Anis Abadi nicht nennen. „Manche denken vielleicht, ich sage nichts aus Angst vor Neid“, meint der 47-jährige Unternehmer. „Mir geht es aber darum, niemanden zu verletzten, wenn ich erzähle, was ich habe.“
Bevor sich die Schuhe auf ihre weltweite Reise machen, werden sie im ersten Schritt von gewerblichen Händlern angekauft. Volle Lastwagen rollen auf den Hof, alles wird sortiert, und in Containern verlässt die Ware das Gelände wieder. Drei bis fünf Container am Tag, tausend Tonnen im Monat. Die Schuhe gehen säckeweise nach Afrika – dort trägt die Mittelschicht gebrauchte Schuhe oder man geht eben barfuß, sagt Anis Abadi – und ordentlich in Kartons verpackt nach Osteuropa oder in den Nahen Osten. Sortiert wird nach Qualität, Sommer- oder Winterschuh, Frauen- oder Männermodell. Aufgearbeitet werden die Schuhe erst vom Abnehmer.
„Manchmal sehen die dann aus wie neu“, sagt Anis Abadi. Überhaupt könnten sich gerade die Menschen in Afrika oft nicht vorstellen, dass diese Waren jemand weggeschmissen haben könnten, obwohl sie doch noch in Ordnung sind. Kleidung werde deswegen auch als „das Hemd des toten Weißen“ bezeichnet. Die Afrikaner denken, wer so etwas wegwirft, kann nur tot sein.
Vom Büro geht es runter in die Halle. Jetzt wird erst klar, wie laut die Musik wirklich ist. Um Tische herum stehen Männer vor großen Schuhhaufen, schichten hier Modelle auf, werfen andere paarweise in Säcke. Einige der Arbeiter sind nur für eine Vorsortierung zuständig, andere, mit mehr Erfahrung, legen die endgültige Qualität fest. Alles geht schnell, wirkt aber unangestrengt.
Wenn Anis Abadi an den Sortierern vorbeigeht, lächeln sie ihn an oder man begrüßt sich auf Arabisch. Die meisten Mitarbeiter sind Araber und Kurden. Das liege aber nicht daran, dass er keine deutschen Mitarbeiter beschäftigen wolle, sagt Anis Abadi. Die Deutschen wollten jedoch nicht zu gerne mit den gebrauchten Schuhen zu tun haben, sondern lieber nur Gabelstapler fahren. „Aber ich brauche hier Leute, die alles machen.“ Da darf man nicht wählerisch sein.
Das ist wohl auch seine eigene Arbeitsphilosophie. Beim Start der Firma fuhr Anis Abadi den Gabelstapler noch selbst. Als er sich daneben nicht mehr um die Sortierung kümmern konnte, wurde der erste Gabelstaplerfahrer ausgebildet. Ein Schritt nach dem anderen. Und nicht vergessen, woher man kommt.
„Ich habe immer eine offene Tür“, sagt Anis Abadi. „Wenn ein Mitarbeiter Sorgen hat, höre ich zu und versuche, zu helfen.“ Auf der anderen Seite erwartet er aber auch von seinen Angestellten Konzentration. Ein Aufkleber mit einem Zahlencode zeigt an, wer den jeweiligen Karton sortiert hat.
Neben der Kontrolle geht es ihm um Beständigkeit. Er beschäftige seine Mitarbeiter auch deswegen gerne über einen langen Zeitraum, weil dann jeder Handgriff sitze. Bilal Elsaleh arbeitet seit 17 Jahren hier und klebt Kartons zu. Fadi Mahmoud ist seit zehn Jahren dabei und fing damals an, weil er keine Lust mehr auf seinen Job als KFZ-Mechaniker hatte. Wie alle anderen war Fadi Mahmoud zuerst Sortierer, heute fährt er Gabelstapler. „Mir gefällt eigentlich alles hier“, sagt der 30-Jährige. Nur wenn er die Musik zehn Stunden hören müsse, brumme ihm schon der Kopf, meint Fadi Mahmoud und lacht breit.
Abadi Export soll weiter expandieren, auch wenn der Chef das eigentlich gar nicht möchte. Man müsse eben die Produktion immer weiter erhöhen, um das Gleiche zu verdienen.
Aber jetzt geht es erst mal drei Wochen mit der Familie in den Urlaub. Afrika und Naher Osten. Dann werden doch bestimmt auch Geschäfte gemacht? „Man kann das nie richtig trennen“, sagt Anis Ababi und lächelt.

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Anis Abadi


Fadi Mahmoud

Fotos: Tim Meyer
Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 30. Mai 2009

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