Kunstkritik
Archaische Maschinen für einfache Handlungen
Der Kunstverein Hildesheim zeigt im Kehrwiederturm die projizierenden Skulpturen von Thomas Bartels
Von Tim Meyer Hildesheimer Allgemeine Zeitung
Kurz vor der Eröffnung führt Thomas Bartels eine junge Frau durch die Ausstellung. Sie wird später die Aufsicht übernehmen. In der dritten Etage stehen die beiden neben dem ratternden Zahnrad der „Zeitmaschine“ und Bartels erklärt: „Wenn das stehen bleibt, geben Sie ihm einfach einen Schubs. Dann läuft es wieder.“ Schweizer Uhrenmacher würden den Braunschweiger Künstler sicherlich nicht in ihre Reihen aufnehmen, Feinmechanik ist nicht sein Gebiet. Er nennt seine Arbeitsweise „afrikanische Technik“ und werkelt lieber mit Feilen, Sägen und einem Schraubstock.
Bartels baut archaische Maschinen, denen man auf den ersten Blick nicht zutraut, Bilder zu projizieren. Sie rattern, tuckern und knarren. Die Projektionen sind filmische Endlosschleifen von grafisch extrem reduzierten und simple Handlungen vollführenden Figuren. In „Ikiliikkuja“, das finnische Wort für Perpetuum mobile, stehen sich zwei Männer gegenüber und trinken abwechselnd eine Flasche leer. Die „Zeitmaschine“ zeigt eine Gehstudie in einer Art Muybridge-Verbeugung und im obersten Stock lädt der „Äquator“ zu einer projizierten Reise entlang des nullten Breitengrades ein.
Dieser höchste Raum mit dem „Äquator“ ist gleichzeitig ein kontemplativer Ruhepol nach dem Aufstieg im Kehrwiederturm. Dort ist es plötzlich still, sanft dreht sich eine Art entschlackter Globus mit einer Lampe als Zentrum und wirft Diabilder aus einem Atlas an die Wand. Kongo knapp über dem Fußboden, Zaire kurz unter der Decke und immer wieder unendliche Wasserflächen. Und nicht nur die Projektion ist Teil der Installation, sondern ebenso das Streulicht, die Besucher mit ihrem eigenen Schatten und eine Motte, die auf dem Diastreifen eine Flugpause macht. Der „Äquator“ steht auf feingliedrigen Beinen, an deren Enden Glühbirnen als Füße befestigt sind. Als würde die Welt nur von zerbrechlichem Licht getragen werden.
Die vielen Details einer Arbeit wie „Äquator“ erfordern mehr Zeit als eine hastige Durchschau. Da wird selbst ein Lot zum Fixpunkt des Interesses.
Um zur Ruhe zu kommen, hilft vielleicht ein Tee. In der Ecke im Eingangsbereich tuckert ein Samowar, den Bartels mitgebracht hat.
Der 45-Jährige ist eine Mischung aus Rebecca Horn, Jean Tinguely und Leonardo da Vinci. Ein Bastler, Spieler und Ausprobierer. Seine Arbeit sei „altmodisch“, wird dem Künstler immer wieder gesagt. Ihm sei das jedoch egal, er liebt die haptische Herangehensweise. Pappen ausschneiden, auf Leitern klettern und sich für die Aufnahmen nackt ausziehen, damit auch ja nichts ablenkt.
Für die Projektionen arbeitet Bartels fast immer auf 35mm-Filmmaterial und ausschließlich mit analogen Geräten und Tricktechniken. Er ist ein Fleißarbeiter. In der „Zeitmaschine“ dreht sich der Projektor auf einem überdimensionalen Zahnrad und trotzdem geht die Figur im Film aufrecht. Bartels hat den Gehenden in unterschiedlichen Lagen gefilmt, so dass die Drehung des Rades kompensiert wird. Aber mit diesem Aufwand buhlt Bartels nicht, hinter die Details kommt nur der Betrachter, der Aufmerksamkeit und Zeit mitbringt.
Als es stiller in den Räumen ist, fällt plötzlich auf, dass die Zeitmaschine schweigt. Es wird Zeit für einen kleinen Schubser.