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Tim Meyer

Kurzgeschichte

Der Bleistiftelefant

Von Tim Meyer  bisher unveröffentlicht 

Als ich klein war, hat mein Vater einen Elefanten für mich gezeichnet. Keineswegs naturalistisch, aber mit einem Lächeln im Gesicht, das mich glücklich gemacht hat. Eine magische Zeichnung.

Wenn ich dem Bleistiftelefanten kurz den Rücken zuwendete und mich dann wieder umsah, dachte ich, sein Rüssel hätte sich gerade bewegt. Das Lächeln schien dann einen schelmischen Charakter anzunehmen. Da freute sich jemand auf dem Papier. Irritiert und die Sache auf die Probe stellend, wendete ich mich ein zweites Mal ab und wartete diesmal etwas länger. Noch mit dem Rücken zu dem Papierbogen stehend, hörte ich nun ein leises Trompeten. Es klang wie hinter einer Tür oder vielleicht auch hinter einem Blatt. Ruckartig drehte ich mich um und da war ... nichts. Das Blatt schien ein paar Knicke zu haben, worüber ich aber nicht weiter nachdachte. Zu dieser Zeit habe ich immer Benjamin Blümchen zum Einschlafen gehört, das könnte mir durchaus die Sinne etwas vernebelt haben. Wenn man jede Nacht von einem sprechenden Elefanten in den Schlaf getrompetet wird, muss das doch irgendwelche Spuren hinterlassen.

Aber das Tier auf dem Papier schwieg beharrlich und ließ sich auch sonst nichts anmerken. Auch mein Vater sagte dazu nichts. Aber vielleicht zeichnete er nur relativ selten diesen Elefanten, weil er wusste, dass dieser dann auf dem Papier gefangen war. Na ja, aber wie ein Gefangener sah er nicht aus. Oder er wusste um die List der von ihm gezeichneten Tiere und hatte Sorge, dass irgendwann eine Horde von zweidimensionalen Charakterelefanten unser Dorf terrorisieren würde.

Ich konnte das Rätsel nicht lösen, steckte meinen grinsenden Bleistiftelefanten aber sicherheitshalber in die Tasche und nahm ihn mit.