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Tim Meyer

Kurzgeschichte

Der erste Vogel

Von Tim Meyer  Peiner Allgemeine Zeitung (jups) 

Es ist der erste Vogel, der singt. So lange war es still gewesen. Der Himmel immer blau, die Weite immer leer. Immer still. Immer leer. Niemand, nichts. Als hätte diesen Ort eine Schneedecke einwattiert. Verschlossen. Wie unsere Ohren und Augen in dem Moment, als wir noch etwas hätten tun können.

Der Vogel hat nur ein Bein und ist glücklich. Brüten wird er dieses Jahr nicht. Es ist sonst keiner da. Nur die Berge im Hintergrund, die schon alles gesehen haben. Sie werden bleiben, bis die Ameisen kommen und durch das mit wenigen Federn bekleidete Skelett des Vogels wandern.

Auch ein Vogel wird müde. Er ruht aus, singt und sitzt auf einem Schädel. Hier liegen großzügig verteilt Gerippe herum. Als der Vogel noch nicht geschlüpft war, standen die Rinder hier einträchtig gelangweilt. Die vielen Jeeps erregten nur am Anfang ihre Aufmerksamkeit.

Ein Mann schlurft vorbei. An den Gerippen und dem rastenden Vogel. Er sieht müde aus und ist es. Er schaut auf den Haufen Betongeröll und erinnert sich. Als die Rinder noch standen, die Jeeps parkten und seine Hütte so unachtsam nah an diesem Ort gebaut war, hatte er sich auf den beschwerlichen Weg in die nächste Stadt machen müssen. Das war sein Glück und seine größte Bürde.

Der Vogel singt und kennt keine Menschen. Er fliegt dem Mann hinterher und setzt sich auf den Bretterschutt. Der Mann steht davor, nimmt seine Mütze ab, kniet nieder und spricht leise. Er kann nicht mehr klagen. Der Vogel singt.

Der Vogel singt und hüpft auf einem Bein. Als würde er an die Spiele eines Kindergeburtstages denken. Der Mann bekommt Kopfschmerzen. Er bekommt sie immer, wenn er hier ist. Nicht weil der Vogel singt, nicht weil er traurig ist, sondern weil dieser Ort mehrere Vergangenheiten hat.

Dann geht der Mann. Schlurft zurück. Drei Kilometer weiter steht ein neues Lehmbretterhaus. Der Vogel bleibt auf den Überresten der alten Hütte sitzen. Ihm macht es nichts aus, allein zu sein.

Er ist der erste Vogel, der wieder singt, nachdem die Bombe fiel. Hier gibt es keinen Frühling.