Kurzgeschichte
Die etwas andere Backmischung
Von Tim Meyer Peiner Allgemeine Zeitung (jups)
Als Kind habe ich immer wieder die Geschichte gehört, dass jemand mal in einem Brot von einem Bäcker aus dem Nachbarort eine undefinierbare Masse gefunden hat. Später stellte sich diese Masse als Kotze heraus und es kamen nach und nach noch andere leckere Dinge zum Vorschein, die besagter Bäcker zum Verfeinern seiner Backmischung benutzte. Ja, so etwas ist richtig ekelig. Aber man kann auch andere Dinge in Broten finden.
Als ich vor einigen Monaten ein Brot anschnitt, stieß ich auf einen leichten Widerstand. Vorsichtig konnte ich einen laminierten Zettel herauspulen. Darauf stand eine Telefonnummer und sonst nichts. In diesem Moment wäre ich gerne aus meinem Körper getreten, um mein Gesicht zu sehen. Die Gesichtszüge entglitten mir und minutenlang hielt ich den Zettel in der Hand und starrte drauf. Dann setzte ich mich ans Telefon und wählte. Ich dachte überhaupt nicht darüber nach, was gerade passierte. Ich tippte einfach nur die Nummer ein. Es klingelte einmal und am anderen Ende meldete sich eine Frauenstimme: „Sie haben den Zettel gefunden? Schön. Kommen Sie nach Berlin in die Schönhauser Allee 104. Klingeln Sie bei Schadt.“ Dann legte sie auf. Ich hatte kein Wort sagen können.
Am nächsten Tag ging ich zum Bäcker und fragte dort nach, ob sie irgendwelche Verbindungen nach Berlin hätten und dort eine Frau Schadt in der Schönhauser Allee kennen würden. Sie verneinten und schauten mich entgeistert an. „Ach egal, entschuldigen Sie diese komische Frage“, sagte ich und ging wieder.
In den nächsten Tagen fiel mir immer wieder der eingeschweißte Zettel in die Augen, den ich neben das Telefon gelegt hatte. Wer hatte sich soviel Mühe gegeben? Wahrscheinlich war die Telefonnummer extra eingerichtet, sonst hätte sie doch nicht sofort gewusst, dass ich wegen des Zettels anrufe. Oder lebte diese Frau in der totalen Isolation und niemand anders kannte diese Nummer? Ich sah im Online-Telefonbuch nach und konnte dort keine Frau Schadt in der Schönhauser Allee finden.
Und wie war überhaupt der Zettel in ein Brot in Hildesheim gekommen?
Wochen vergingen, in denen ich immer mal wieder die Nummer wählte, aber vor der letzten Zahl auflegte.
Heute liegt der Zettel immer noch neben meinem Telefon. Ich habe nie wieder angerufen. Aber vielleicht fahre ich morgen nach Berlin.