Kurzgeschichte
Ein Bild für Dieter
Von Tim Meyer Peiner Allgemeine Zeitung (jups)
Licht, ganz viel Sonnenlicht. Als hättest Du zwanzig Minuten in einem dunklen Raum gesessen und dann eine Tür aufgestoßen. Die Sonne steht tief, ganz kurz bevor sie die Erde küsst. Es könnte Sommer sein, August zum Beispiel. Und wahrscheinlich ist es gerade 21.32 Uhr. Jeder Gegenstand wirft seine Schatten bis zum Horizont und weiter. Das glaubst Du zumindest, denn Du kannst ja nicht hinter den Horizont schauen.
Auf einer Wiese steht eine Kiste. Darin ein Schaf oder vielleicht auch ein Elefant. Oder ein Schaf und ein Elefant, die sich lieben. Du siehst, dass die Kiste ganz leicht wackelt. Auch Elefanten können sanft Liebe machen. Auf der Kiste steht ein Glas Rotwein, ein ganz feinstieliges Glas. Nicht ein Tropfen wird verschüttet, auch wenn die Liebe es bewegt. Du denkst, es könnte auch der Wind sein.
An einer Wäscheleine hängen Waschmaschinen, die von dem Wind hin- und hergeschaukelt werden. Die müssen ja leicht sein, denkst Du und schon fällt eine ab und reißt ein Loch in die Erde. Im gleichen Moment fällt das Weinglas um, aus der Kiste kommen erleichternde Schreie, die Sonne ist schlagartig rot – vielleicht ein bisschen aus Scham wegen des Schafes und des Elefanten – und aus dem Loch in der Erde bricht mit Getöse ein Geysir.
Trotz all der Schönheit stehst Du zweifelnd an der Seite und denkst über das Leben nach. „Das richtet sich schon ein.“ Du hattest es nicht gemerkt, aber von der Seite war ein Mann zu Dir gekommen. Wirres Haar, leuchtende Augen. Er hat Deine Zweifel gesehen und diesen Satz gesagt. Du schaust ihn an, er schaut zurück, lacht verschmitzt und geht einfach weg. Du bleibst stehen und wunderst Dich, dass Du Dein Leben ändern möchtest.