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Tim Meyer

Kunstkritik

Ein Erdbeben lässt die Gefühle verstauben

Drei Belgier zeigen mit „Known Some Call Is Air Am“ eine verworrene Welt nach der Katastrophe

Von Tim Meyer  Hildesheimer Allgemeine Zeitung 

HILDESHEIM. Was wäre, wenn plötzlich alles anders ist? Man spürt, irgendetwas stimmt nicht, aber es ist nicht zu benennen. Traumatisiert von einer Katastrophe, die Erinnerungen gelöscht, jedes Gefühl unter einer dicken Staubschicht verschüttet.

Die drei Belgier Bas Devos, Michiel Soete und Jeroen Vander Ven laden im Rahmen des „transeuropa“-Festivals zu einer schrecklich-schönen Erkundungstour in ein zerstörtes Haus ein und zeigen drei Männer, deren Leben wie die Einrichtung durcheinandergewirbelt wurde. Doch sie selbst haben keinen Blick für die Löcher in den Decken, für die umgestürzten Sessel. Bis sie langsam beginnen, sich über kleine Details zu wundern.

„Known Some Call Is Air Am“ lässt sich Zeit. Hier gilt es nicht, den Zuschauer mit lauten Effekten zu überrumpeln, sondern man wird mit einer intelligenten Inszenierung ins Innere der Katastrophe gezogen. Mit einer Taschenlampe werden die Zuschauer zu Bierzeltbänken geführt und man sieht langsam hinter dem Fenster die Sonne aufgehen. Dann wird der Raum sichtbar: überall Nebel, Staub, Zeitungen, Müll. Eine Stimme erzählt, es habe ein Erdbeben gegeben, die Menschen mussten in einer Turnhalle Schutz suchen, aber jetzt können sie zurück in ihre Häuser.

Von einem Raum geht es in den anderen, überall das gleiche Bild der Zerstörung. Dann wirft Jeroen Vander Ven die Tür ins Schloss und wundert sich, dass sie wieder aufgeht. Er misst mit dem Zollstock, überprüft einen anderen Raum mit der Wasserwaage - wortlos. Auch wenn er wie die anderen das Unglück nicht erkennt, versucht er doch, der Sache auf den Grund zu gehen. Im Nebenraum legt sich Michiel Soete ins Bett, nachdem er die Matratze beiläufig von Unrat und Staub befreit hat, steckt sich eine Zigarette an und lässt immer wieder eine Kleberolle an sich vorbeikullern. Der Raum ist abschüssig, aber ihn berührt das nicht. Schließlich wundert sich Bas Devos über das Verschwinden seines Zimmers. Aber danach setzt das Denken schon wieder aus, als wären alle Emotionen unter dicken Decken verpackt. Sie verstehen einfach nicht, was hier passiert ist. Es ist so, als würde jemand bis zum Hals im Wasser stehen und sich darüber wundern, dass die Füße nass sind.

Nach der Aufführung sagt eine junge Zuschauerin, es habe sich angefühlt, als würde man durch ein Bild von Gregory Crewdson gehen. Der amerikanische Fotograf, dessen Werke wie Standbilder aus Horror- oder Science-Fiction-Filmen wirken, inszeniert mit großem Aufwand eine neue Wirklichkeit: ein Blumenmeer im Wohnzimmer oder Bäume, die im Schlafzimmer aus dem Boden wachsen. Doch bei ihm geht es mehr um aufwändige Überwältigungsstrategien, um Künstlichkeit. Gregory Crewdson ist Hollywood.

Größere Parallelen gibt es bei den Belgiern zu dem deutschen Künstler Gregor Schneider, der seit bald 20 Jahren an seinem „Haus u r“ in Mönchengladbach-Rheydt arbeitet und in das Wohnhaus neue Räume einbaut oder diese in Bewegung versetzt. Weil sie mit ihm den spielerischen Ansatz teilen und es immer auch darum geht, dem Zuschauer ein ganz anderes Raumgefühl zu vermitteln.

Den drei Künstlern ist mit „Known Some Call Is Air Am“ ein ruhiges, äußerst sinnliches Experiment gelungen. Eine begehbare Skulptur, bewohnt von drei Männern, die sich selbst verloren haben und davon nichts spüren.

Weitere Aufführungen von „Known Some Call Is Air Am“ am 19. Mai um 20 Uhr und am 20. Mai um 18 und 21.30 Uhr. Ort: Sachsenring 47b, Hinterhaus.