Reportage
Hier. Schöne neue Welt.
Von Tim Meyer Festivalzeitung Theatertreffen
Eigentlich müsste auch hier Platz für Stühle sein. Hier im richtigen Leben. Hier, wo die Männer große Hände haben. Hier. In der dunkel lockenden Welt hinter der Bühne. Hier, wo die Illusion entsteht.
Inspizientin Barbara findet diesen Ort viel schöner, als wenn sie im Publikum sitzt. Es ist zu erahnen warum. Wirken die Schauspieler manchmal selbst beim Schlussapplaus noch angespannt. Hier lächeln sie und freuen sich. Hinten Kindergeburtstag, vorne Vorstellungsgespräch.
Zwei Sattelschlepper voll München haben sie in Berlin wieder zusammengebaut. Zehn Stunden Arbeit. Die massigen Holzwände des Bühnenbildes errichtet, Technik installiert, Durchlaufproben absolviert, Wege abgegangen. Hier beginnt die Vorstellung um 8 Uhr morgens und ist schon fast zu Ende, als der Feuerwehrmann den eisernen Vorhang mit Glockengeläut runterrauschen lässt. In Ordnung. Lasst die Leute rein.
Wiebke Puls testet noch einmal die Schwämmchen. Welches quietscht am schönsten an ihren Zähnen. Selbst dabei hat Puls eine Präsenz, die sie wie ein Lichtspot in Szene setzt. Sie umarmt noch jeden Techniker, „Toi toi toi“, widmet selbst dem Journalisten einen zurückhaltenden Winkegruß und macht sich bereit. Sie strahlt voller Spiellust.
Und los. Schon nach den ersten Kommandos fällt Barbaras Funkgerät aus. Sie gibt die Kommandos. Sie ist hier die Regisseurin. Selbst Sebastian Nübling, der neben ihr steht, kann nicht helfen. Dafür kaut er nervös Kaugummi, schmunzelt, lächelt, ist konzentriert, starrt durch einen Spalt auf die Bühne und macht sich unaufhörlich Notizen.
„Wand links. Go! Rechts. Go!“, flüstert Barbara ins neue Mikrofon und die Holzwände schlagen aneinander. Zufriedenes Nicken. Dann stellen sich Gerhard und sechs andere Männer an die Handkonterzüge und schauen zu Barbara. Handzeichen! Die Männer heben mit Leichtigkeit 1420 Kilogramm Wand. Die gleich schweren Gegengewichte machen es vom Kraftaufwand zu einer einfachen Aufgabe. Aber auch in ihrem Hinterkopf sitzen rund 800 Menschen, die merken, wenn etwas hakt. Die Männer klopfen sich erleichtert auf die Schultern, als alles reibungslos klappt.
Gundi Ellert kommt hinter die Bühne getrippelt, sagt mit zitternder Stimme „Ich sterbe“ und rennt auf die andere Seite. Alle blicken ein bisschen verwundert. Aufregung? Spiel? Gespielte Aufregung? Kein Problem. Ellert muss gleich seitenweise wissenschaftliche Vorträge über Pflanzen und Photosynthese halten. Da darf sie ruhig aufgeregt oder albern sein.
Wiebke Puls kommt von der Bühne, wechselt ihre Requisiten und nimmt einen wüstengroßen Schluck aus einer Wasserflasche. Sie muss schnell zurück auf die Bühne. Sie will wieder raus. Volles Risiko, immer weiter. Selbst hier hinten ist zu spüren, was für ein Schauspielertyp Puls ist. Ein rastloser Drang treibt sie an. Eine innere Notwendigkeit.
Aber irgendwann ist alles vorbei. Gemeinsames, tiefes Durchatmen. Nübling ist am deutlichsten zu hören. Der Applaus kommt auch hier an. Wie ein Beruhigungsmittel verlangsamt er den Puls und sorgt für eine gleichmäßige Atmung.
Nachdem sich die Schauspieler ihren Beifall abgeholt haben, gehen Nübling und sein Team auf die Bühne. Auch Händl Klaus ist dabei. Als sie wieder zurückkommen und sich alle ausgiebig umarmen, duckt er sich fast ein bisschen weg. Ihm ist es sichtlich schwer gefallen, rauszugehen. Einen Moment später drückt er jedoch alle umso fester an sich. Hier ist es eben einfach schöner und sicherer. Hier in der dunkel lockenden Welt.