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Tim Meyer

Musikkritik

Hingehauchtes, fleischloses Leiden

Nils Koppruch und Missouri treten in der Kulturfabrik auf

Von Tim Meyer  Hildesheimer Allgemeine Zeitung 

Das geht eigentlich gar nicht zusammen, was da an diesem Abend nacheinander auf der Bühne steht. Nils Koppruch, Sänger der Hamburger Band Fink, spielt allein mit Gitarre kleine deutschsprachige Countrysongs und macht sich über Leute im Stadtmagazin Public lustig. Missouri dagegen, fast sprachlos und auf Sicherheit bedacht, fahren eine ausgefeilte Melange aus schwermütiger Romantik, breiten Orgeln und Steelguitar-Tupfern auf.

Am ehesten könnten die Musiker noch gemeinsam in einen Western gesteckt werden. Koppruch wäre der Lonesome-Rider. Allein mit der Gitarre und den passenden Kleidern (beim Konzert trägt er Cowboystiefel, Karohemd und Cordhose), auf der Suche nach der Einen. So singt er auf seinem Pferd über die traurige Monotonie des Lebens, bei der die Liebe die letzte Hoffnung ist. „Alles ist wie jeden Tag / An Dich werde ich denken, wenn ich alles andere vergess'“.

Dieser Cowboy ist auch so mutig, sich in der Stadt, durch die er reitet, über die Einwohner lustig zu machen. Er nimmt sich das Public zur Hand, blättert ein bisschen und wünscht ein paar Leuten Glück. Sein Wunsch kommt mit einem ironischen Lächeln, und Koppruch selber hat Glück, dass keiner der Genannten im Publikum ist. Er bewegt sich auf dünnem Eis. An diesem Abend hält es, die Zuhörer sind amüsiert und niemand schießt den zynischen Reiter vom Pferd.

Missouri dagegen ist eine Band, die in diesem imaginären Film in der Ecke der Bar seit Stunden spielt und nicht mehr ganz nüchtern ist. Wer diese Bar betritt, hat entweder gerade den Job verloren oder die Frau ist mal wieder weggelaufen. Der Rhythmus kommt aus dem Laptop, ist aber warm und mächtig, da die Band zu Hause am liebsten mit alten Beat-Boxen herumprobiert. Besonders schön bei „If They Ever Steal Your Amazing Grace“. Verzerrt rumpelt da das synthetische Schlagzeug unter den Instrumenten. Dazu setzen die Orgeln abgehackte Akzente, Gitarrist Frank Mollena verzerrt sein Instrument bis an den Anschlag – was manchmal so schön ist wie der lockende Gesang einer Sirene – und auf dem Höhepunkt öffnet Carter Cains Pedal Steel den Song in die Weiten der Steppe. Sänger Red erzählt die Geschichten dazu. Sein Gesang ist aber oft nur ein hingehauchtes Leiden, dem etwas Fleisch auf den Rippen fehlt. Im Ganzen ist der Sound schön für melancholische Schmusereien. Nur stört dabei die Coolness des Frontmanns, die eher distanziert als einlädt.

Missouri sind stilbewußt, vergessen aber zwischen den Songs aus dem Dunkel ihrer Ecke herauszutreten und dem Publikum zu versichern, dass die Frau bestimmt zurückkommt und auch der Job nicht auf ewig verloren ist. Nicht zuletzt befördern sie selbst den Eindruck, ihre Musik sei nur ein Soundtrack. Im Hintergrund läuft ununterbrochen eine Projektion, bei der es zwar immer wieder gute Momente gibt, die sich aber oft in beliebigen Illustrationen erschöpft.

Viel Hoffnung gibt es an diesem Abend nicht für die Menschen. Ein kleiner Schimmer: Die Gitarristen Mollena und Cain sowie Organist Christian Ebert lächeln noch einmal ins Publikum, als sie die Bühne verlassen, um mit dem Treck in die nächste Stadt zu ziehen. Vielleicht sind sie doch nicht so cool und nicht so traurig.