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Tim Meyer

Kurzgeschichte

Im Kopf der alten Dame

Von Tim Meyer  Peiner Allgemeine Zeitung (jups) 

Äpfel, Birnen, Klaus’ Zähne. Verdammt ist das kalt. Die Schuhe fand ich schon immer blöd und warum haben die überhaupt keinen Grip? Ilse! Verdammt ich habe Ilse vergessen. Die wartet bestimmt seit 20 Minuten vor meiner Tür. Jetzt nicht nervös werden. Besser Ilse friert, als dass sich mein Klaus die nächsten Wochen sein Essen selbst machen muss. Der würde doch verhungern. Hunger? Ach ja! Äpfel, Birnen, Gehacktes, Käse, Milch, Eier, Nacken. Ich habe keine Lust, soviel zu schleppen. Was denke ich über Klaus’ Hunger nach, wenn der Kerl mich immer alleine losziehen lässt? Und warum habe ich den geheiratet? Moment, was soll dieser Quatsch. Ilse! Auf die ist Verlass, die ist immer pünktlich da. Hoffentlich heute nicht. Wenn die sich was holt, nur weil ich nicht rechtzeitig nach Hause komme. Dieser graue Matsch erinnert mich an den Schlamm vor 61 Jahren. Da lag einfach einer tot im Schlamm. Was die Leute wohl dächten, wenn jetzt hier einer tot im Schnee liegen würde? Die wissen überhaupt nicht, wie gut sie es haben.

Ein Mann in der Straßenbahn, der verträumt in die Leere schaut und gleich zu früh nach Hause kommen und dort seine Freundin mit einem anderen Mann beim Liebhaben vorfinden wird, denkt, ohne sich noch einmal umzudrehen: Mensch Oma, bei dem Wetter solltest du lieber zu Hause bleiben.

Weihnachten, Kinder, Essen, verdammt. Nein, ich will nicht immer fluchen. Das wird immer mehr. Und habe ich das jetzt laut gesagt? Dann drehen sich die Leute wieder um und sagen: „Guck, die ist schon wunderlich.“ Wenn Klaus doch nur anders wäre. Gestern hat er mich geküsst und sein Atem roch alt und fremd. Ilse! Ich muss jetzt schnell nach Hause.

Die alte Dame bleibt mitten auf der Straße stehen. Die Autos hupen, aber sie bleibt stehen.