Musikkritik
Kätzchen oder Kettensägen
Mettla-Festival in der Meier Music Hall
Von Tim Meyer Braunschweiger Zeitung
Ich muss entweder an Kätzchen oder Kettensägen denken, wenn ich Musiker und Anhänger von Metal-Bands sehe. In ihren martialischen Gesten steckt eine Zügellosigkeit, die immer kurz vor der Eskalation zu stehen scheint. Aber gleichzeitig ist da auch eine fast zärtliche Ruhe. Wer einen Song lang mit Grunzen, Teufelsfingern und wildem Headbanging den Tod feiert, der kann sich eben danach wieder ganz entspannt dem Leben zuwenden, das kleine Tierchen unter dem Wacken-T-Shirt hervorholen und es ausgiebig schmusen.
Beim Mettla-Festival in der Meier Music Hall feiern 16 Bands einen Tag lang den Death Metal, bis die treibende Doublebass des Schlagzeugs die Nägel aus dem Dielenboden treibt. So wie bei „Bedevilment“. Die Musiker stehen in Nebelschwaden auf der Newcomer-Bühne und fabrizieren ein wildes, musikalisches Gewölle. So als hätten sie alle existierenden Töne in sich aufgenommen, die sie nun gleichzeitig und so schnell wie möglich wieder hochwürgen. Wirklich erkennen kann man nicht mehr, was dort alles in diesem Knäuel steckt.
Auf der Hauptbühne mucken derweil „Deny The Urge“, die zwar ebenfalls wie eine Dampfwalze aus Tönen daherkommen, aber zwischendurch immer wieder mit präziser Musikalität überzeugen. Wenn sich etwa die beiden Gitarristen Henrik Osterloh und Olaf Danneberg für filigrane Melodieläufe zusammenfinden, die sie harmonisch übereinanderstapeln. Olaf Danneberg sieht dabei manchmal so aus, als wäre er ein Akademiker, der gerade in der Universitätsbibliothek seine Bücher studiert. Kein Wunder, stecken doch bei Metal unter all dem Lärm durchaus intellektuelle, musikalische Strukturen aus Jazz und Klassik. So wechseln „Deny The Urge“ zwischen instrumentaler Virtuosität und dahinhetzendem Gedresche. Das ist gut und erzeugt eine feine Spannung.
Und irgendwann muss man ans Sprinten und Usain Bolt denken. Ja, diese Musik hat auch etwas mit Sport zu tun, wenn die Gitarristen versuchen, immer noch schneller die Saiten anzuschlagen, oder der Schlagzeuger die Beats pro Minute nicht mehr zählen kann. Oder es fallen einem volle Praxen bei HNO-Ärzten ein, wenn man Britta, die Shouterin von „Cripper“, hört. Ihr Organ klingt genauso Stimmbänder zerfetzend wie das ihrer männlichen Kollegen.
Auch deswegen ist nur zu erahnen, um was es in den Texten geht. Wenn etwa Arnheim, Frontmann von „Magna Mortalis“, den nächsten Song als „gegen die Scheiß-Nazis“ ankündigt. Nicht eine Zeile ist aufgrund des üblichen, grunzenden Gesangsstils zu verstehen, aber allein die Energie des Liedes reicht aus, um jeden mit dieser falschen Ideologie verseuchten Schädel porentief zu reinigen. Und das alles ohne jede Berührung. Denn Death Metal ist rohe Gewalt mit strengen Regeln. Wie ein brutalstmöglicher Boxkampf, bei dem es zu keinem Körperkontakt kommt.