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Tim Meyer

Kunstkritik

Leere Seiten voller Liebe

„Mein geliebter Zaunkönig“ - Marie Beisert stellt ihre schöpferische Zerstörung von Liebesbriefen in der Jakobikirche aus

Von Tim Meyer  Hildesheimer Allgemeine Zeitung 

Drei schwere Bücher mit leeren Seiten, fast leeren Seiten. Denn in dem groben Papier sind Heftzwecken, einzelne Buchstaben und Worte, Fragmente von Briefmarken und verschiedene Papiersorten zu erkennen. Auf einem Einband ist eine Jahreszahl zu lesen: 1966. Eine Zeitreise, geheimnisvoll, mit unsichtbarer Bedeutung aufgeladen. Aus Lautsprechern hallt ein lautes Gekritzel, das manchmal von den Geräuschen eines Mixers unterbrochen wird. Und an der Wand hängt ein Schaukasten, der ein wenig Licht in das Dunkel bringt. Hinter Glas ein Brief: „Mein geliebter König“, heißt es in den ersten Zeilen, und später: „Du noch als Hauch auf meinen Lippen“. Ein Liebesbrief.

So nähert man sich der Installation „Mein geliebter Zaunkönig…“ von Marie Beisert in der Jakobikirche. Erfährt erst, wenn man sich auf einen der Sessel setzt und sich durch die Diplomarbeit der Hildesheimer Kulturwissenschaftlerin blättert, dass sie vor neun Jahren, als plötzlich ihr Vater starb, eine Kiste voller Liebesbriefe fand, die ihre Mutter dem Vater geschrieben hatte. „Diese Briefe waren ein Schatz und eine Last“, erzählt sie. Die Lösung war letztendlich ein künstlerischer Akt der Zerstörung. Sie zerkleinerte die Briefe, packte sie in einen Mixer und schöpfte am Ende dieses Prozesses neues Papier aus dem Liebesbriefebrei. Blättert man nun ein zweites Mal mit diesem Wissen in den Büchern, schwingt noch eine ganz andere Tiefe mit. Dieser radikale Ansatz hat nicht all die warmen Worte, all die Gefühle zerstört, sondern sie in klare Materialität überführt und sie damit greifbar gemacht. Jetzt füllen sich die Seiten jedes Mal aufs neue, wenn die Bücher aufgeschlagen werden.

Besonders nah ist Marie Beisert mit ihrer Arbeit Erinnerungskünstlern wie Christian Boltanski, der in seinen Installationen Gegenstände verstorbener Personen arrangierte oder die eigene Kindheit rekonstruierte. Dort, wo sich dieser Ansatz von der Dokumentation der eigenen Biografie entfernt und abstrahiert, verlangt er vom Betrachter eine sehr persönliche Einlassung auf das Werk, weil diese Kunst ihre Bedeutung gerade daraus gewinnt, was jeder Einzelne in die leeren Seiten von Marie Beisert hineinpackt. Der jungen Künstlerin ist damit eine Gratwanderung gelungen, sehr persönliches Material so zu transformieren, dass es von privater Intimität losgelöst und einer assoziativen Offenheit zugeführt wird.