Musikkritik
Ein gealterter Frauenversteher mit kehliger Stimme
Roger Whittaker ist bald 73 und kann trotzdem noch 1300 Menschen in der Stadthalle begeistern – Ein Konzertbesuch von Mutter und Sohn
Von Tim Meyer Braunschweiger Zeitung
Marion, meine Mutter, ist eine 68erin. Mit Beatles und Rolling Stones aufgewachsen, ein Jimi Hendrix Konzert auf Fehmarn besucht, ein Che Guevara Plakat hing im Wohnzimmer und die Kinder wurden antiautoritär erzogen. Aber so lang ich mich auch zurückerinnere, wenn sie ihren freien Tag hatte und ich von der Schule nach Hause kam, hatte ein anderer Mann von ihr Besitz ergriffen: Roger Whittaker. Sie stand an ihrem Bügelbrett und schmetterte „Albany“ mit.
Unser gemeinsamer Konzertbesuch beginnt jedoch mit einer Irritation. „Mein Gott, ist der alt geworden“, sagt meine Mutter, als Roger Whittaker die Bühne betritt. Das stimmt, am Sonntag wird er 73 Jahre alt. Aber Mick Jagger ist doch auch schon 65, denke ich.
Mit „Du bist mein Engel“ spielt er zuerst ein Lied von seiner neuen Platte. In einem Interview erzählte er mal lachend, dass es jedoch nicht seiner Frau gewidmet sei. „Meine Frau ist kein Engel! Sie schimpft schon mal mit mir und sie kann sehr dickköpfig sein… Deshalb liebe ich sie so!“ Das Lied „Irish Girl“ sei aber für sie. Auch das wird er später spielen, nachdem er erzählt hat, dass er 45 Jahre mit seiner Frau verheiratet ist, fünf Kinder und mittlerweile acht Enkelkinder hat. Das jüngste Enkelkind ist erst ein paar Tage alt und natürlich lässt der stolze Opa auf der Leinwand gleich ein Foto einblenden. In einem Video ist er später noch mit einem anderen Enkelkind spielend zu sehen. „Das finde ich sehr sympathisch“, sagt meine Mutter. „Weil es so ungezwungen ist.“
Ja, der großväterliche Charme überzeugt mich auch, aber irgendwann gucken wir uns wieder verwundert an und fragen uns, was mit dem großen Schlagersänger passiert ist. „Früher hatte er eine so weiche, warme Stimme“, sagt Marion. „Aber heute klingt sie kehlig, als würde ihn das alles sehr anstrengen.“ Wir entdecken dann auch, dass er nahezu alle Texte von Telepromptern abliest und sich etwas bemüht über die Bühne bewegt. Und obwohl meine Mutter sich wirklich auf diesen Abend gefreut hatte, sagt sie irgendwann: „Wenn man so lange Künstler war, sollte man wissen, wann es vorbei ist.“ Außer einigen Wortfetzen oder den Stimmen der Backgroundsängerinnen sind die Texte inhaltlich kaum zu verstehen. Das findet meine Mutter sehr schade. Sie wollte doch Rogers schöne Stimme und die Geschichten über die Liebe hören. Und wenigstens ein paar Lieder mitschmettern. Gut, das Wort Liebe höre ich zumindest immer wieder heraus, aber ein kompletter Liedtext ist kaum mitzuverfolgen.
Richtig überzeugend ist Roger Whittaker jedoch, wenn er die Lippen spitzt und zum Pfeifen ansetzt. Sein alter Hit „Mexican Whistler“ sitzt noch perfekt und prescht gut voran. Dafür gibt es großen Applaus. Aber das Publikum ist dem alten Herren sowieso sehr zugeneigt, auch wenn man in der Pause andere Gespräche über seine nachlassende Stimme hören kann. Vor allem natürlich Hits wie „Albany“, „Eloisa“ oder „Abschied ist ein scharfes Schwert“ lösen große Begeisterung aus.
Am Ende hält es vor allem die Frauen nicht mehr auf ihren Sitzen, bei den Zugaben drängen sie an den Bühnenrand, um ihrem Idol noch einmal ganz nah zu sein. „Er ist einfach ein Frauenversteher“, meint Marion. „So wie er die Texte über Liebe und Zuneigung rüberbringt und selbst eben 45 Jahre verheiratet ist, das ist einfach schön.“
Und das Fazit. Ich frage meine Mutter, wen sie nehmen würde, wenn sie sich zwischen Paul McCartney und Roger Whittaker entscheiden müsste. „Ich würde Paul nehmen, weil ich dann an meine erste Liebe denke, mit der ich dieses Jahr auch 40 Jahre verheiratet bin“, sagt Marion. „Auch wenn ich die Lieder von Roger sehr gerne mag, denke ich bei ihm doch immer eher ans Bügeln.“