Kurzgeschichte
Roter Polo im Wurmloch
Von Tim Meyer Peiner Allgemeine Zeitung (jups)
Nacht. Ich sitze in meinem Wagen. Roter Polo, 13 Jahre. Motorgeräusche, die mich an das erste leichte Hüsteln bei einer Erkältung erinnern. „Bleib stark“, sage ich laut vor mich hin und klopfe sanft auf das schwarze Armaturenbrett. Zum Glück bin ich allein.
Der unterbrochene Mittelstreifen zuckt vorbei. Lost Highway auf der A7. Die Autobahn ist leer und mein Scheinwerfer wühlt sich immer tiefer in den Raum. Schneller und schneller rase ich weiter, als müsste der Tank nie wieder gefüllt werden, als würden Zeit und Raum einen Knick bekommen, als würde sich plötzlich ein Wurmloch öffnen und ein Volkswagen und ein junger Mann fielen in irgendetwas anderes hinein. Nein, der Raum bleibt stabil. Der Raum bleibt stabil, aber ich fühle mich gefährdet und konzentriere mich nur noch auf den Mittelstreifen. Der wechselt ständig die Farbe und im Galopp überholt mich ein Wildschwein. Als es etwa schon fünf Meter vor dem Wagen herläuft und wild die kurzen Beinchen hochwirft, dreht es sich noch einmal um, lächelt breit in das Licht des linken Scheinwerfers und verschwindet anschließend in der Dunkelheit.
Ich drücke aufs Gas und klammere mich noch fester an das Lenkrad. Es fühlt sich an, als wäre ich bereits seit Tagen auf dieser Autobahn. „Wir müssen weiter!“, sagt mein roter Polo zu mir und ich stimme zu, schalte die Scheinwerfer aus und trete das Gaspedal bis an den Anschlag.