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Tim Meyer

Kolumne

Schon lange fort

Von Tim Meyer  Peiner Allgemeine Zeitung (jups) 

Als ich ihn vor etwa eineinhalb Wochen besuchte, öffnete er die Augen ein kleines Stück mehr als bei unserer letzten Begegnung. Die Lungenentzündung war abgeklungen und der Schleim musste nicht mehr aus seinem Rachen abgesaugt werden. Er zuckte wieder ein bisschen, wenn man ihn berührte. Das war eigentlich ein gutes Zeichen. Drei Wochen lang lag er zuvor regungslos im Krankenhaus, röchelte und stöhnte.

Jetzt war er wieder in seinem Zimmer im Pflegeheim. Ich streichelte ihm über die Wange und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Bevor ich ging, flüsterte ich in sein Ohr: „Gute Reise, Heini.“ Eine Woche später ist er gestorben, heute ist seine Beerdigung. Als ich von seinem Tod erfuhr, war ich nicht traurig. Ich hatte schon vor vielen Jahren von ihm Abschied genommen.

In meiner Erinnerung hat mein Opa fast schon immer Alzheimer. Die ersten Symptome müssen vor über 15 Jahren aufgetreten sein. Als er in Rente ging, verstärkten sie sich und als vor sechs Jahren seine Frau starb, vergaß er innerhalb kürzester Zeit unsere Namen und verschwand.

Zu Ostern schenkte mir Opa Heini ein Rennrad. Mein Bruder bekam auch eines. Wenn die Bremsen kaputt waren, reparierte er sie. Ich kann das bis heute nicht. Sein Keller war voller Werkzeug. Die riesigen Bohrer nahm ich öfter in die Hand, aber für Handwerk in jeder Hinsicht konnte er mich trotzdem nicht begeistern. Mein Vater sagt dagegen heute: „Alles, was ich handwerklich kann, habe ich von Heini gelernt.“ Ich fuhr mit ihm lieber zu den Kühen. Ich weiß nicht, warum mich das so faszinierte und ob ich vielleicht Angst bekam, wenn sie ihre langen Zungen herausstreckten. Opa Heini hatte riesige Hände.

Wenn ich ihn im Pflegeheim besuchte und die Decke etwas zur Seite rutschte, schaute ich auf seine dünnen Beine und dachte darüber nach, was aus diesem Mann geworden war. Wie viel Mensch er noch war, ob er Gedanken hatte, die Umwelt wahrnahm oder spürte, wenn man ihn berührte? Seine Hände waren noch immer riesig, aber leblos. Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste und davon überzeugt war, traf ich eine Entscheidung. Ich ging davon aus, dass mein Opa schon fort war und nur noch sein Körper im Bett lag. Ich verabschiedete mich emotional von ihm.

Opa Heini war ein harter Bursche. Er sagte etwa: „Wenn ich irgendwann blöde werde, gehe ich in den Keller und schieße mir mit der Schrotflinte den Kopp weg.“ Über diese Sprüche lachte man in unserer Familie. Trotzdem ahnten wir, dass er es ernst meinte. Als er blöde wurde, wusste er nicht mehr, wo seine Schrotflinte liegt oder wie man die überhaupt benutzt. Vor eineinhalb Wochen setzten meine Eltern seinen Wunsch um und stellten die künstliche Ernährung ein. Für mich bekam er damit seine Würde zurück.

Als ich das letzte Mal aus seinem Zimmer ging, wusste ich, dass mein Opa bald stirbt. Das war in Ordnung, eigentlich sogar ein gutes Gefühl. Ich dachte, selbst wenn hinter diesem unbeweglichen Schleier seines Gesichtes noch ein Bewusstsein sein sollte, er würde sofort darum bitten, ihm den Schlauch aus der Nase zu ziehen. Er wäre viel zu stolz gewesen, diese Entscheidung jemand anders treffen zu lassen. Jetzt haben wir sie für ihn getroffen. Gute Reise, Heini.