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Tim Meyer

Kurzgeschichte

Strand im Irgendwo

Von Tim Meyer  Peiner Allgemeine Zeitung (jups) 

Hendrik Hansen wacht auf und liegt mit der Nase in einem riesigen Blutfleck. Er kennt das, zittert aber trotzdem, als er sich aufsetzt und die verkrustete Nase putzt. Der Wecker zeigt 4 Uhr 32. Es ist Winter. Es ist der 21. Dezember.

Gegen 2 Uhr war Hendrik eingeschlafen. In den letzten Nächten hatte er einen Trick entwickelt. Wird die Sehnsucht nach Kathrin stärker, denkt er einfach an Sex mit Bettina. An wirklich verdammt guten Sex mit Bettina. Schlecht fühlte er sich nur beim ersten Mal, danach war es wie ein Schalter. Kommen die Gedanken an Kathrin, drückt er diesen Schalter, das Licht geht aus und er zieht Bettina zu sich heran. Anfassen muss er sich dabei nicht. Das würde ihn nur vom Schlafen abhalten.

Jetzt ist er aber wieder wach. Traumlos war der Schlaf, zumindest fehlt ihm jede Erinnerung. Wieso seine Nase mittlerweile fast jede Nacht blutet, fragt er sich nicht mehr. Vielleicht vom Zähneknirschen? Vielleicht mahlt er mit den Kiefern so lange, bis die Äderchen in der Nase platzen. Egal, das Laken zieht er heute nicht mehr ab. Noch vier Stunden wird er an die Decke starren, dann aufstehen, frühstücken, ins Bad gehen, sich anziehen, den gepackten Koffer nehmen und mit dem Bus zum Flughafen fahren. Er muss weg. Egal wohin.

...

„Schau mal, Andrea, da liegt wieder einer.“ „Meinst du, das ist ein Penner?“ „Weiß nicht, der sieht auf jeden Fall komisch aus.“ Wie ein gestrandeter Wal liegt Hendrik Hansen an einem Strand im Irgendwo. Touristen kommen nur selten in diese Gegend. Bislang war er unbehelligt gewesen. Lag einfach nur da und nichts passierte. Jetzt nähert sich das Paar und versucht es mit einer Begrüßung in der Landessprache. Hendrik reagiert nicht. Andrea und ihr Freund umkreisen ihn ganz langsam. Hendriks Kleidung ist zerschlissen und mit Salzkristallen übersät. Die Schuhe fehlen. Die Füße sind aufgedunsen, sehen aus wie ein weißblauer Schwamm. Das Gesicht liegt im Sand. „Jan, der bewegt sich nicht. Und so kann der bestimmt nicht atmen.“ „Lass uns einfach gehen.“ Als sie weglaufen, krabbelt ein sehr kleiner Krebs aus Hendriks Ohr. Er hat ein neues Zuhause gefunden.