Kunstkritik
Wenn ein Ticken physisch wird
Ausstellungsprojekt „Und plötzlich hat man Zeit“ im Kunstverein Via 113
Von Tim Meyer Hildesheimer Allgemeine Zeitung
Tickticktick, jetzt bloß nicht aus dem Rhythmus kommen. Alle Räume des Kunstvereins Via 113 in der Kleinen Venedig sind mit einem mechanischen, harten Ticken erfüllt. Es hämmert sich physisch in den Körper und macht Zeit erfahrbar.
Die Wände sind weiß und jedes verfügbare Licht ist eingeschaltet. In seiner Eröffnungsrede spricht Daniel Schürer, Kopf der Via 113, davon, dass die Kinder heute sicherlich schweigen würden, wenn man sie fragt, wie eine Uhr macht. Als Beweis präsentiert er lautlose Uhren. Quarzgesteuert und Radio Controlled.
Das Ticken einer Uhr kann aber auch zur Belastung werden. Im Gästezimmer seiner Mutter hängt er die tickende Uhr immer ab und legt sie ins Gästeklo, erzählt Schürer.
Aber es geht natürlich gar nicht um Uhren, sondern um Zeit. „Und plötzlich hat man Zeit“ ist der Titel des zweiteiligen Projektes, das in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum „pêssego pra semana“ in Porto/Portugal entstanden ist. Schürer war vier Monate in Porto und hat täglich vier Stunden an einem Projekt gearbeitet. Was dabei entstanden ist, bleibt vorerst verborgen.
Aber auch die Außenstellen der Via sind ins Projekt mit einbezogen. In der „Internationalen Kunsthalle“ im „Nil“ wird die Gruppe wieder von dem bekannten Ticken empfangen. Nach einem Aquavit wandern die Augen in die Kunsthalle, den in den Tresen eingelassenen Kasten. Hier stehen, warten, sitzen oder flanieren kleine weiße Kunststofffiguren. Die sind immer in der Kunsthalle, aber heute gibt es für sie nichts zu sehen. Aber vielleicht haben sie jetzt Zeit?
In der zweiten Außenstelle, dem „Kölschartklub“ im „Schärling“, wieder das bekannte Ticken. Und plötzlich fühlt man sich von der Zeit verfolgt. An der Wand steht in schöner Schreibschrift der Projekttitel und daneben hängt eine Sonntagsausgabe von Público, der größten portugiesischen Tageszeitung.
Allen Mitgewanderten wird ein Kölsch gereicht. Die Kneipenbesucher, die nicht an dem Rundgang teilnehmen, bekommen auch ein Kölsch. Einer sagt mit angestrengtem Lächeln: „Schmerzensgeld, was?“ Im Hintergrund tickt schonungslos laut die Uhr.
Zurück in den Räumen der Via 113. Es gibt Suppe, und das Ticken ist verstummt. Und warum gibt es nichts zu sehen? Mit einem Stirnrunzeln erklärt Schürer, dass es doch etwas zu sehen gab. Er wollte mit der „tollen Idee“, leere Räumlichkeiten zu zeigen, einen ruhenden Gegenpol zu der ewigen Bilderschau liefern. „Ich ertrage die Ausstellungen nicht mehr.“
So bietet dieser Abend einen offenen Rahmen zum Ausstellungsthema. Und Zeit bedeutet auch die Freiheit von zwingender Rezeption, die die Besucher in einer anderen Ausstellung leisten müssten. Wer verunsichert ist, der fragt vielleicht das suppelöffelnde Gegenüber nach der Zeit oder wie sich die Zeit gerade angefühlt hat.
Wem das zu abstrakt ist, der kann zu der Eröffnung des zweiten Teils kommen. Hier soll der Rahmen gefüllt werden. „Geschwätziger und bunter“ soll es zugehen, sagt Schürer. Aber bis dahin ist noch etwas Zeit. Tickticktick.